Dies und das

Der Predigttext, dem wir heute nach-sinnen wollen, steht im 1. Brief des Johannes im ersten Kapitel:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben,
was wir gesehen haben mit unsern Augen,
was wir betrachtet haben
und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens –
und das Leben ist erschienen,
und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben,
das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –,
was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch,
damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt;
und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.

Soweit der Predigttext. Johannes ist noch ganz begeistert von dem, den er gesehen, betrachtet, betastet hat, von dem, was er gehört hat. Er ist so begeistert – nach Jahrzehnten noch. Wie kommt das? Mit Jesus Christus ist er einem Menschen begegnet, der sein Leben umgewandelt hat. Mit Jesus Christus ist er einem Menschen begegnet, der nicht nur ihn umgewandelt hat, sondern auch zahlreiche andere Menschen – und weil dieser Jesus Christus ihn und viele andere umgewandelt hat, wird er auch nicht müde, das zu verkündigen: Die Welt wurde anders durch ihn, durch Jesus Christus.
Wir Menschen sind jedoch Trauerklöße und Bedenkenträger. Wir denken erst einmal über folgende Aspekte nach und sagen: „Du, lieber Johannes, magst ja ein ehrenwerter Mensch sein – aber ich, ich habe nicht gesehen, betrachtet, gehört, betastet. Warum sollte ich dir glauben?“ „Oh“, sagt Johannes, „du musst mir nicht glauben, aber schau mal, er ist mir und vielen anderen nach seinem Tod erschienen!“ „Ja“, sage ich dann: „dir – aber mir nicht. Warum sollte ich dir glauben?“ „Schau mal“, meint dann Johannes, „wir haben durch Jesus Christus Gemeinschaft mit Gott – und du kannst sie auch haben!“ „Ja“, sage ich Mensch dann, „sicher. Aber wie soll ich Gemeinschaft mit einem haben, den ich nicht gesehen, betrachtet, gehört und betastet habe?“ Johannes lässt nicht locker: „Siehst du denn nicht meine Freude, sie ist ansteckend, lass dich doch einfach von meiner Freude anstecken!“ Da sagt der schlaue Mensch: „Oh, nein, Johannes, so kommst du mir nicht bei. Das ist zu viel Gefühl! Wenn ich nicht selber gesehen, betrachtet, gehört, betastet habe, dann wird das nichts.“ „Ja“, sagt Johannes: „Menschen sind so. Du bist wie mein Bruder in Jesus Thomas gewesen ist: Er wollte auch nicht glauben, dass Jesus auferstanden ist – bis ihm Jesus selbst erschienen ist und er ihn gesehen, betrachtet, gehört und betastet hat. Jesus kennt uns Menschen, wir sind ja alle irgendwie wie der Bruder Thomas – er kennt auch dich.“

Wir schalten uns mal in das Gespräch zwischen dem Apostel Johannes und unserem Bedenkenträger ein. Es ist schon interessant zu sehen, dass wir Menschen doch sehr eigenartig sind. Wir glauben Wissenschaftlern, dass Astronauten auf dem Mond waren und dass sie dort Luftsprünge gemacht haben – ohne dass wir selbst auf dem Mond waren. Wir trauen diesem und jenem Menschen, Ärzten, Werbeleuten, Politikern – sie alle machen Aussagen, die wir nicht überprüfen können und wollen – aber wenn es um den christlichen Glauben geht, dann trauen wir anderen nicht mehr – selbst Menschen nicht, die durch die vergangenen 2000 Jahre hindurch unsere gesamte Menschheitsgeschichte beeinflusst haben. Ja, Johannes und all die anderen: Petrus, Paulus, Matthäus, Lukas und, und, und – ohne sie ist unsere europäische Geschichte nicht zu denken, ja, auch die Geschichte von Völkern in vielen Teilen der Erde nicht. Sie haben mitgeteilt, was sie gesehen, betrachtet, gehört und betastet haben – und andere haben sich von ihrer Freude anstecken lassen und haben ihr schweres Leben im Frieden Gottes leben können. Aber all diese genannten Menschen und Millionen andere Menschen sind nicht stark aus sich selbst, sie sind nur Zeugen. Sie bezeugen nur einen Menschen: den Menschen Jesus Christus, sie bezeugen seine Einheit mit Gott, seine Liebe zu den Menschen, seine Liebe zu jedem einzelnen von uns.

Hat dieser Jesus Christus wirklich durch sein menschliches Auftreten so viel bewirkt? Wir sind sehr geschichtsvergessen. Darum wollen wir mal überlegen, wo wir in unserer Menschheitsgeschichte Spuren von Jesus finden, wo wir ihn in unserer Geschichte sehen können, hören können, betrachten und betasten können. Wo können wir ihn sehen? Wir können die Spuren Jesu in den Krankenhäusern sehen. Weil Jesus geheilt hat, haben Christen begonnen, Krankenhäuser für alle Menschen zu entwickeln, unabhängig vom Geld, vom Ansehen der Person: Jeder durfte in die Krankenhäuser gehen – die von reichen Christen finanziert worden sind. Das ganze soziale Engagement, das Christen seither entwickelt haben, geht auf diese von Jesus gelegte Spur zurück. Behinderte Menschen aufnehmen – erst spät hat da die Christenheit in Europa mitgemacht, sie hatte Angst vor Aussätzigen, Angst vor gewalttätigen Menschen, und man suchte sie aus- und wegzusperren – aber im Laufe der Zeit haben immer mehr Menschen in den Spuren Jesu diese Angst abgelegt. Alles, was Kirchen und Gemeinden heute auf sozialem Gebiet leisten, ist eine Spur von Jesus, auf der wir ihn sehen können. Und so beginnen auch andere Religionen diese Spur aufzunehmen und sich sozial zu verhalten. Sie machen noch Unterschiede zwischen den Personen, sie urteilen noch nach Religion, aber das wird sich auf kurz oder lang ändern, weil die Spur, die Jesus gelegt hat, doch sehr machtvoll ist. Manchmal gibt es Rückschritte. So leben wir heute in einer Zeit, in der die Kultur des Todes wieder Einzug hält. Menschen werden abgetrieben, wenn eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie behindert sein könnten. Embryos, also Kinder, werden abgetrieben, wenn man sie nicht möchte, in vielen Ländern vor allem Mädchen, so viel Mädchen, dass es in manchen Gegenden schon Frauenmangel gibt. Früher hat man diese ungewollten Kinder nach der Geburt einfach irgendwo ausgesetzt und Christen haben sie aufgenommen und versucht, großzuziehen. Das war sehr schwer, wenn eine Gemeinde nicht genug Ammen hatte. Aber man versuchte es. Und darum stellen sich Christen überall auf die Seite der Kultur des Lebens. Jesus zieht eine Spur des Lebens durch unsere Kultur des Todes. Können wir hier Jesus betasten? Ja sicher, denn Jesus sagte: Was ihr einem meiner geringsten Brüder, eingeschlossen sind die Schwestern, getan habt, das habt ihr mir getan!
Die Spur von Jesus ist sichtbar in den neuen Wegen, die Gandhi und Martin Luther King gegangen sind. Mit der Bergpredigt in der Hand und im Sinn, sind sie diese neuen Wege gegangen, Wege, um ungerechte Macht zu brechen, Wege, um Gerechtigkeit durchzusetzen – und beide wurden dafür getötet. Die Kultur des Todes schlägt überall auf kurz oder lang zurück. Wie viel Christen haben im Laufe dieser Zeiten das Leben lassen müssen, weil sie auf den Spuren Jesu gegangen sind? Endlos viele Namen können hier genannt werden – und an noch viel, viel mehr Menschen ist zu denken, deren Namen in keinem Geschichtsbuch geschrieben stehen. Und noch heute werden viele umgebracht, weil sie auf der Spur des Lebens, die Jesus zieht, Gerechtigkeit, Freude und Liebe bringen. Sie wurden nicht nur umgebracht von Menschen, die anderen Religionen oder die Ideologien angehörten – auch von so genannten Christen. Christen, die die Spur Jesu verlassen haben und ihre eigene gewalttätige Religion gegründet haben – mit sich selbst oder ihrer Ideologie im Mittelpunkt. Aber man muss ja als Christ auf den Spuren von Jesus nicht gleich ermordet werden: Wie viel Menschen sind verleumdet worden, hintergangen, verletzt worden? Unsäglich viele Menschen. Sie ruhen jetzt bei dem, der ihr Herr war – sie sind seinen Spuren nachgegangen, und haben jetzt ihren Frieden bei ihm gefunden. Sie können ihn sehen, betasten, hören und betrachten.

Aber Jesus kann auf seiner Spur auch jetzt schon betrachtet werden. Betrachten meint auch bei Johannes nicht einfach sehen, sondern auch bewundern, das heißt ins Herz aufnehmen, seinen Spuren, seinem Leben nachsinnen – etwas sehen, aber auch das Übersinnliche dabei erfahren. So wird berichtet, dass Jesus bei seiner Taufe den Heiligen Geist wie eine Taube auf sich herabgleiten sah. Das heißt ja nicht, dass irgendeine Taube kam, sondern das heißt, es wird Übersinnliches wahrgenommen. Und auf dieser Spur sind sehr, sehr viele Christen auch hinter Jesus hergegangen. In der Weihnachtsgeschichte heißt es: Maria bewegte die Worte in ihrem Herzen, das heißt, nachdenken, nachsinnen, sie körperlich spüren, in Erfahrung bringen. Wir kennen in unserem christlichen Glauben große Mystiker, Menschen, die der Spur Jesu sinnend, betrachtend nachgegangen sind – und die hier großes geleistet haben, vor allem Menschen in den Klöstern. Sie haben sinnend, betend gelebt, Jesus Christus betrachtend gelebt, haben dabei aber nicht vergessen, Menschen auszubilden, sie haben damit die Bildung und Kunst gefördert, sie haben nicht vergessen, die Landwirtschaft zu revolutionieren, haben das Krankenhauswesen weitergeführt – Jesus betrachten, führt zu einem neuen Leben für den anderen Menschen. Und so können wir auch heute noch die weiteren Spuren Jesu sehen: Wir hören Worte, die uns zu Herzen gehen, Worte, die uns erneuern, Kraft geben, Mut machen, stärken, neues Licht in unser Leben bringen – über all da, wo das geschieht, können wir Jesus sehen, betasten, hören, betrachten.

Und was ist die Folge? Freude. Die ganze Weihnachtsgeschichte ist durchzogen von dieser Freude. Menschen freuen sich über den neugeborenen Jesus. Alle möglichen Menschen: Hirten, Weise, Propheten und Prophetinnen, Erd und Himmel sind in Bewegung vor lauter Freude über diesen geborenen Menschen. Und wir fragen uns: Warum sollten wir uns freuen? Hat sich denn etwas geändert? Wirklich geändert? Ja.
Wir kennen das gar nicht mehr so. Wenn wir abends in ein Zimmer gehen, machen wir das Licht an und auf einmal ist alles erhellt und sichtbar. Wie anders ist es, wenn man in ein finsteres Zimmer geht und eine Kerze anzündet? Sie flackert, sie erleuchtet mal diese Stelle ein wenig, mal erleuchtet sie eine andere Stelle ein wenig. Viel wird deutlicher – und je länger wir im Zimmer sind, desto mehr lernen unsere Augen zu sehen. Immer besser heben sich Konturen ab, Gegenstände werden erkennbar. Und so ist es auch mit Jesus Christus. Nicht nur die Menschheitsgeschichte ist dunkel und wurde an vielen Stellen ein wenig erhellt. So ist es auch in unserem kleinen, privaten Leben möglich. Leben wir im Finstern, in Angst, in Krankheit, in Not angesichts des Todes, in Schwermut und Melancholie, in eigenartiger, lähmender Niedergeschlagenheit und Zorn – auch hier können wir die liebende Spur Jesu erkennen. Wir müssen nur bereit sein, in dieser Dunkelheit ein kleines Licht zu empfinden, unsere Augen sehen nur Finsternis, wackelnde Schattenspiele – doch je länger wir mit diesem Licht leben, desto stärker zeigt sich das Lichte, das Helle in unserem Leben. Jesus betrachten, ihn betasten… - das ist immer das, worauf wir uns in Geduld einlassen müssen. Häufig sind wir solche Dummköpfe: Bevor die Kerze richtig zu brennen beginnt, pusten wir sie wieder aus, weil wir denken, dass Jesus Christus nicht das Licht sein kann.

Wie können wir denn in diesem Licht leben lernen? Wie können wir unsere Seele halten, damit sie im Licht Jesu Christi sehen lernt? Wie können wir ihn betrachten, betasten? Wie es für jede Krankheit ein besonderes Medikament gibt, so gibt es auch in der Beziehung zu Jesus keine allgemeinen Tipps. Aber zu Beginn denke ich, ist das Herzensgebet ein gutes Mittel. Was ist das Herzensgebet, das Gebet des Herzens? Wir tragen den Namen: „Jesus, mein Heiland, mein Retter“ in unserem Herzen, wir bewegen ihn in unserem Denken. Wir sinnen darüber nach, was sein Name bedeutet, warum wir ihn nennen – und je mehr wir dieses Gebet des Herzens sprechen, desto mehr wird unser Alltag von seinem Licht durchdrungen, desto mehr können wir die Weihnachtsfreude im Herzen und Leben tragen. Stellt euch mal die Weisen aus dem Morgenland vor. Als sie von diesem wunderbaren Ereignis wieder weggingen…, stellt euch mal die Hirten vor, als sie von dem, was sie gesehen haben, ganz erfüllt wegzogen…, stellt euch mal die Engel vor, wie es in ihrem Herzen aussah: Sie bewegten das Erlebte, Gesehene, gehörte in ihrem Herzen, sie riefen und sprachen: „Das Kind Jesus, unser Heiland, unser Retter ist geboren.“ Das wurde ihr Herzensgebet. Und dieses Gebet in ihren Herzen trugen sie weiter und weiter in dem Licht, das sie von diesem Kind empfangen hatten – und brachten so auch Licht in das Leben der Menschen, die es hörten. Das war ihr Herzensgebet. Vielleicht wird das unser Herzensgebet – damit Jesus Christus unser Leben heller macht und Freude auch in unser Herz und Sinn einzieht – und wir Gemeinschaft haben mit dem Vater und dem Sohn Jesus Christus.

Und wenn unser Mensch, der sich zu Beginn der Predigt mit Johannes unterhalten hat, meint, er könne Jesus Christus nicht hören, betasten, sehen, betrachten, dann irrt er. Er muss es nur wollen – damit seine Freude vollkommen sei..

Werde, was du schon bist.
Suche ihn, der bereits dein ist.
Höre auf ihn, der nie aufhört zu dir zu sprechen.
Gehöre ihm, der dich bereits sein eigen nennt,
sagte Gregor vom Sinai, einer der bedeutendsten Wüstenväter der Christenheit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.